Handwerkstag: Gemeinschaftsschule darf nicht als Baustelle starten
16.01.2012Nach den Sommerferien sollen die ersten 34 Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg an den Start gehen. "Darauf haben wir lange gewartet", begrüßte Landeshandwerkspräsident Joachim Möhrle die heutige Ankündigung von Kultusministerin Warminski-Leitheußer. Dass diese Schulen aus dem Stand heraus beginnen können, stimme das Handwerk hoffnungsfroh und lasse rasch erste positive Rückmeldungen erwarten. Nach wie vor blieben aber aus Sicht der Wirtschaft zu viele Fragen unbeantwortet.

Der Baden-Württembergische Handwerkstag (BWHT) verspricht sich von der Gemeinschaftsschule eine Verbesserung der Ausbildungsreife der Jugendlichen und eine durchgängige berufliche Orientierung. "Bisher hat uns aber noch keiner erklärt, wie das konkret mit Inhalten gefüllt sein soll", sagte Möhrle. Handwerker könnten nicht auf Dauer die neuen Nachhilfelehrer der Nation spielen, um während der beruflichen Ausbildung nachzuholen, was in der Schule versäumt wurde. Die Gemeinschaftsschule müsse jetzt unter Beweis stellen, dass sie leiste, was die Hauptschule in vielen Bereichen in den letzten Jahren vermissen ließ: "Das Handwerk ist auf Bewerber und Bewerberinnen angewiesen, die ein solides Grundwissen und soziale Kompetenzen mitbringen, um sie erfolgreich durch eine duale Ausbildung führen zu können." Unklar sei beispielsweise auch, woran ein Handwerksbetrieb erkennen könne, welchen Wissenstand ein Bewerber oder Praktikant aus der Gemeinschaftsschule mit sich bringt. Denn Bewerbungen erfolgten häufig schon im Jahr vor dem eigentlichen Schulabschluss. Die Betriebe bräuchten ein transparentes Bewertungssystem, das für jeden nachvollziehbar und verständlich sein müsse. Dies seien Fragen, auf die nicht nur die Eltern, sondern auch die Wirtschaft zügig Antworten verlangten. Die Gemeinschaftsschule dürfe nun nicht als Baustelle starten, denn sonst drohe ihr rasch der Makel, nur die zweit- oder drittbeste Lösung zu sein, selbst wenn man sie mit den besten Programmen und mehr Ressourcen ausstatte.

Mit den ausgewählten Schulen sei die Entwicklung auf einem guten Weg, betonte Möhrle. Das Handwerk sehe sich in seinen Forderungen bestätigt: "Das Bohren dicker Bretter hat sich gelohnt." Vieles, was diese Schulen heute umsetzten, habe der Handwerkstag schon vor zehn Jahren als erster Wirtschaftsverband im Land in seinem PISA-Papier vorgelegt. Er wünschte den Starterschulen viel Erfolg und hoffe, dass ihnen viele weitere Schulen auf ihrem Weg folgten: "Ganz offensichtlich kann auch die Politik von ihnen noch vieles lernen."

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