
Lehrer, die zum Lernen und zum Leben verführen, Schüler, die als Lernpartner selbstbestimmt und deshalb erfolgreich arbeiten – das alles ist möglich. Über 300 Teilnehmer aus Politik, Wirtschaft, Handwerk und verschiedenen Bildungseinrichtungen besuchten den Bildungsgipfel des baden-württembergischen Handwerks, um über neue Schulstrukturen zu diskutieren und erfolgreiche Konzepte aus der Praxis kennen zu lernen.
Der vom Baden-Württembergischen Handwerkstag unter dem Motto "Schule neu denken - zum Lernen verführen" organisierte Bildungskongress fand am 10. April 2008 in den Räumen der Handwerkskammer Region Stuttgart statt.
Begrüßung
Zu Beginn des Kongresses machte Landeshandwerkspräsident Joachim Möhrle deutlich, weshalb sich das Handwerk in Baden-Württemberg immer wieder massiv in die bildungspolitische Debatte einmischt. Dem Gros der Schüler, das die Hauptschule verlässt, fehlen schlichtweg die Grundlagen für eine Ausbildung: mangelhafte Mathematik- und Deutschkenntnisse, kaum ausgeprägte Lern- und Leistungsbereitschaft, keine sozialen Kompetenzen sind die Gründe dafür, dass immer mehr Ausbildungsplätze nicht besetzt werden.
Möhrle würdigte die Bemühungen der Landesregierung um den Patienten Hauptschule durchaus - doch leider laufen die Reformen ins Leere, so der Präsident. Er fordert daher mehr Mut zur Veränderung: "Dies ist ein Hilferuf."
Vortrag: "Wie funktioniert das Lernen?"
Dass es an konkreten Ideen und erfolgreichen Konzepten nicht mangelt, zeigte der Vortrag des Hirnforschers Prof. Dr. Dr. Gerald Hüther. In einem rund einstündigen blitzdiskurs demonstrierte der Göttinger Forscher wie Lernen funktioniert – beziehungsweise wie Lernen eben nicht funktioniert.
Mit seinem Ausflug zur Baustelle Hirn führte Hüther die Teilnehmer in die Welt der Synapsen und Verbindungen. "Kinder und Jugendliche wachsen an ihren Aufgaben", so Hüther, "und nicht an passiver Pflichterfüllung." Statt sturer Wissensvermittlung forderte der Neurobiologe aus Göttingen, die Lehrpläne mit der Vermittlung von Kompetenzen wie die Fähigkeit zur Verantwortung, Empathie und Disziplin zu füllen.
Vortrag: "Belehren verboten"
Spaß am Lernen und autonome Lernformen standen auch im Zentrum des zweiten Vortrags. Bringe mir nichts bei, erkläre mir nicht, erziehe mich nicht, und vor allen Dingen motiviere mich nicht: Diese vier pädagogischen Urbitten sind kurz gesagt das Erfolgsrezept des Schweizer Schulleiters Peter Fratton.
Lehrer werden durch ausgedehnte Präsenzzeiten an der Schule zu Verbündeten der Kinder. Dazu brauchen sie kein Lehrerzimmer, sondern die ständige Bereitschaft, die Schüler in ihrem Arbeiten individuell und zielgerichtet zu unterstützen. Vor allen Dingen aber müssen sie die Gabe haben, als Verführer aufzutreten, so Fratton. Der Gegner des Gleichmachens unterrichtet in seinen Lernhäusern Schäler als "Lernpartner" quer durch alle Altersstufen – mit viel Erfolg und zur Freude von Schülern, Lehrern und Eltern.
Vortrag: "Zukunft der Schule aus Sicht des Landes"
Die Hauptschulen bleiben als eigenständige Schulart erhalten. Daran ließ Baden-Württembergs Kultusminister Helmut Rau keinen Zweifel. Im Vortrag "Zukunft der Schule aus der Sicht des Landes Baden-Württemberg" verwies Rau auf die Erfolge in der Bildungspolitik des Landes und erteilte Kritikern des dreigliedrigen Schulsystems eine klare Absage.
Die beruflichen Schulen seien das beste Beispiel dafür, dass in Baden-Württemberg Aufstieg durch Bildung funktioniere. Darüber hinaus lobte Rau das Duale System als Garant für eine niedrige Jugendarbeitslosigkeit. Gleichzeitig betonte er die aus seiner Sicht starke Durchlässigkeit des Bildungssystems in Baden-Württemberg. Die Forderungen nach der überfälligen Strukturdebatte konterte Rau mit der Forderung nach einer gezielten Qualitätsentwicklung mit dem Fokus auf Unterricht und die Lernumgebung der Schulen.
Im Kreuzverhör: Wie kann Schule gelingen?
Schule und Lernen neu denken: Schüler lernen nicht nur mit- sondern auch voneinander, sie arbeiten selbstständig und mit einem hohen Maß an Selbstorganisation – egal ob nun in Lernateliers im Schweizer Romanshorn, an Hauptschulen in Oberzell, Hildesheim, Tübingen oder an der Fasanenhofschule in Stuttgart. Das zeigten die vier Schulleiter in der Debatte über das erfolgreichste Konzept. Die engagierten Pädagogen machten durch ihre Praxisbeispiele deutlich, wie wichtig Gestaltungs- und Handlungsfreiräume für Kommunen, Rektoren und Lehrer sind.
Teilnehmer:
Wilfried Kretschmer, Schulleiter Robert-Bosch-Gesamtschule Hildesheim
Andreas Passauer, Schulleiter Fasanenhof-Schule Stuttgart
Thomas Rau, Arbeitskreis Neue Sekundarschule Tübingen
Josef Hartmann, Rektor Grund- und Hauptschule Oberzell
Moderation: Eva Hauser, Baden-Württembergischer Handwerkstag
Podiumsdiskussion: "Brücken zur Veränderung"
Das Ziel des Kongresses, verschiedene Positionen und Sichtweisen zum Thema "Schule neu denken" zu diskutieren, fand schließlich in einem angeregten und offenen Austausch statt. Moderiert von Renate Allgöwer präsentierten die Podiumsteilnehmer klare Aussagen, wie Veränderung gelingen kann und wie nicht.
Teilnehmer:
Helmut Rau, Minister für Kultus, Jugend und Sport
Dr. Helga Breuninger, Vorsitzende der Breuninger Stiftung GmbH
Christian Petry, Vorsitzender der Freudenberg Stiftung
Dr. Hartmut Richter, Hauptgeschäftsführer des BWHT
Doris Barzen, Vorsitzende des AK Gesamtelternbeiräte BW
Harald Denecken, Bürgermeister der Stadt Karlsruhe
Moderation: Renate Allgöwer, Stuttgarter Zeitung











