Bildungspolitisches Forum 2014

Das Handwerk plagen Nachwuchssorgen: Immer mehr junge Menschen entscheiden sich für ein Studium anstelle einer beruflichen Ausbildung. Der Handwerkstag stellt der fatalen Entwicklung seine Forderungen nach einer fundierten Berufsorientierung entgegen. Beim bildungspolitischen Forum des Baden-Württembergischen Handwerkstags (BWHT) in Stuttgart Mitte Oktober gab es Unterstützung auf breiter Front. Der Münchner Philosophieprofessor Julian Nida-Rümelin nahm den Akademisierungswahn ins Visier und Kultusminister Andreas Stoch versicherte, das Handwerk habe einen Mitstreiter für die Berufsorientierung an seiner Seite.

In seinem Forderungskatalog definiert der Handwerkstag, was gute Berufsorientierung an der Schule können muss und fordert die Landesregierung zu einer raschen Umsetzung auf. An erster Stelle müsse Berufsorientierung die Erkenntnis vermitteln, dass der akademische Weg und die berufliche Ausbildung gleichwertig sind, fasste BWHT-Vizepräsident Harry Brambach eingangs den Kern der Positionen zusammen. Er forderte mit Nachdruck, das neue Schulfach Wirtschaft, Berufs- und Studienorientierung müsse schon zum nächsten Schuljahr kommen.

Staatsminister a.D. Nida-Rümelin, dessen aktuelles Buch zum Akademisierungswahn in Deutschland gerade Furore macht, sprach von einem gefährlichen Irrweg. Er warf Politik und Gesellschaft eine weitgehende Blindheit gegenüber dem Erfolgskriterium der niedrigen Jugendarbeitslosigkeit vor, die für die breit angelegte berufliche Bildung spreche. Ein Akademikerbedarf von mehr als 30 Prozent – zur Erinnerung: die baden-württembergische Landesregierung hat eine 50-Prozent-Akademikerquote im Koalitionsvertrag verankert – sei völlig unrealistisch. Großbritannien zum Beispiel habe eine doppelt so hohe Akademikerquote wie Deutschland, aber gleichzeitig eine doppelt so hohe Jugendarbeitslosigkeit. Auch Finnland könne nicht wirklich glänzen: mit 65 Prozent weise das Land eine hohe Studienanfängerquote und mit nahezu 50 Prozent eine ebenfalls hohe Absolventenquote auf: „Trotzdem liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 19 Prozent.“ Setze sich der aktuelle Trend fort, würden bald zwei Drittel eines Jahrgangs studieren, was im Vergleich zu heute mittelfristig eine Verdrei- bis Vervierfachung der Akademikerquote bedeute. Er warnte eindringlich davor, beides zu ruinieren - die berufliche und die akademische Bildung. Und er konstatierte eine „bedenkliche Schieflage“ in der Wertschätzung der beiden Bildungswege.

Ist einzig der ungebremste Drang zur Hochschule die Ursache der Entwicklung? Kultusminister Stoch wollte die von Nida-Rümelin ins Feld geführte niedrige Jugendarbeitslosigkeit als zentralen Erfolgsfaktor so nicht stehenlassen: „Unser Land hat trotzdem ein Problem.“ Ein Sechstel eines Jahrgangs sei ohne abgeschlossene Berufsausbildung, das durchschnittliche Einstiegsalter liege bei 19,6 Jahren, ein Viertel der Ausbildungsverträge werde aufgelöst – keine erfreuliche Zustandsbeschreibung. Es sei unrealistisch zu glauben, meinte Stoch, man könne auf kurze Sicht die Gesellschaft verändern: „Aber wir können einen genauen Blick darauf werfen, wo die Fehlentwicklungen liegen.“ Die Bildungsplanreform 2004 weise einen Webfehler auf, denn sie habe die Berufsorientierung ausgeklammert. Diese sei jedoch ein wichtiger Baustein zur Information über die Vielfalt der Möglichkeiten. Stoch: „Wir müssen die Schüler in die Lage versetzen, sich in der betrieblichen Realität verorten zu können.“ Erfolgreiche Berufsorientierung in der Schule müsse über das neue Fach Wirtschaft hinausgehen. Er schreibt Baden-Württemberg eine Pionierrolle bei der Verzahnung von Schule und Wirtschaft zu.

In der anschließenden Podiumsdiskussion diskutierten Stoch und Nida-Rümelin gemeinsam mit  dem bildungspolitischen Sprecher der CDU-Fraktion Georg Wacker, Bernd Saur, Landeschef des  Philologenverbandes sowie Anton Gindele, Landesinnungsmeister des Schreinerhandwerks  Baden-Württemberg  unter Moderation von Renate Allgöwer (Stuttgarter Zeitung) die Frage, was eine gute Berufsorientierung an der Schule können muss. Unstrittig war dabei die Erkenntnis, dass die Lehrer und damit auch deren Fortbildung in der Berufsorientierung eine zentrale Rolle spielen. Gindele wünschte sich mehr Unterstützung: „Etwas Druck von oben würde sicher nicht schaden.“ Lehrer sollten Betriebspraktika absolvieren. Beim Kultusminister stieß er da nicht auf Widerspruch „Es braucht auch Berufspraxis, um individuell auf einzelne Schüler eingehen zu können.“ Wacker lobte die Unternehmer vor Ort: „Sie nehmen Ihren Auftrag vorbildlich wahr.“ Natürlich könne ein Lehrer nicht alles wissen, aber der Blick auf und in die Betriebe sei wichtig. Nida-Rümelin brachte es so auf den Punkt:  „Wer nicht in der Lage ist, das Regal für  seine Bücher aufzubauen, der hat ein Bildungsdefizit.“ Er plädierte für eine Aufwertung des handwerklich-technischen Bereichs  in der Schulpraxis. Gymnasiallehrer Saur meinte zwar, an den Gymnasien werde schon genug getan, zeigte sich aber dem Handwerk gegenüber gesprächsbereit.

„Wie kann es gelingen, die Wertschätzung des praktischen Bereichs zu erhöhen?“ fragte die Moderatorin. Saur sah vor allem auch die Eltern in der Verantwortung, während der Minister befand: „Gerade die Gymnasien können noch deutlich besser werden.“ Nida-Rümelins Rat lautete: „Das Bildungssystem muss offen, durchlässig, aber nicht nivellierend sein. Damit ein junger Mensch versteht, dass er auf verschiedenen wegen zu seinen eigenen Möglichkeiten finden kann.“

In vier Workshops wurden dann am Nachmittag Einzelaspekte vertieft. Claus Munkwitz, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart, fasste deren Ergebnisse in seinem Schlusswort zusammen.