Bildungspolitische Fachtagung 2011

Die Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg wird zum Schuljahr 2012/2013 kommen, dies ist spruchreif. Die Frage ist nur, wie sie funktionieren wird. Gemeinsam mit Experten suchte das Handwerk auf einer bildungspolitischen Fachtagung in Stuttgart nach Ansätzen.

Rund 100 Gäste aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Handwerk waren am 16. November zum Baden-Württembergischen Handwerkstag (BWHT) ins Forum der Handwerkskammer Region Stuttgart gekommen, um unter dem Titel "Die neue Gemeinschaftsschule - wie soll sie funktionieren?" über die Gestaltung der Gemeinschaftsschule zu diskutieren. Die soll zum Schuljahr 2012/2013 in Baden-Württemberg eingeführt werden und dafür sorgen, dass Schülerinnen und Schüler bis Klasse 10 gemeinsam lernen. Bis auf erste Eckpunkte ist aber wenig über die neue Schulform und ihre Bildungsinhalte bekannt, vieles muss noch diskutiert werden. Ziel der Veranstaltung war es, die Anforderungen des Handwerks zu formulieren und in diese Diskussion einzubringen.

Dass das Handwerk große Hoffnungen in die Gemeinschaftsschule setzt, machte Landeshandwerkspräsident Joachim Möhrle in seiner Eröffnungsrede klar: "Wir sind diejenigen, die unmittelbar und deutlich mehr als jeder andere mit den Folgen vergebener Bildungschancen konfrontiert sind. Nur mit ausreichend vorgebildeten Jugendlichen können wir die Zukunft eines modernen Handwerks erfolgreich gestalten." Der Baden-Württembergische Handwerkstag mische sich bereits seit 2002 vehement in die bildungspolitische Debatte ein und rufe nach einer Gemeinschaftsschule, die über eine fest verankerte Berufsorientierung Wege in die duale Ausbildung eröffne. Damit das Handwerk nicht länger Reparaturbetrieb für unzureichende Leistungen des derzeitigen Schulsystems sei, müsste eine grundlegende Neuorientierung stattfinden. Nach langer Diskussion seien nun Taten gefragt, denn "vom ewigen Wiegen wird das Schwein nicht fetter," ließ Möhrle wissen.

Mit viel Empirie zeigte Dr. Ernst Rösner vom Institut für Schulentwicklungsforschung an der TU Dortmund auf, warum sich die Hauptschule unweigerlich auf dem absteigenden Ast befindet. Sowohl die demografische Entwicklung als auch die Bildungswünsche der Eltern seien politisch nicht beeinflussbare Faktoren, die klar in diese Richtung weisen. Die vielerorts bereits erfolgreich umgesetzte Gemeinschaftsschule biete jedoch eine echte Alternative zur nach oben zeigenden Aspirationsspirale. Am Beispiel Schleswig-Holsteins machte der Bildungsexperte deutlich, dass diese Schulform durchaus Zukunft hat: ebenfalls klein gestartet ist sie dort die mittlerweile häufigste Schulart.

Ministerialdirektorin Dr. Margret Ruep vom Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg berichtete über den aktuellen Umsetzungsstand: Eine Kabinettsvorlage, die im Frühjahr in ein neues Schulgesetz münden soll, sei just fertig gestellt worden und werde am 29. November dem Ministerrat vorgelegt. Im Kultusministerium rechne man zum Schuljahr 2012/2013 mit landesweit 30 bis 35 Gemeinschaftsschulen, für die derzeit ein Bildungsplan erarbeitet werde, der nach kanadischem Vorbild für eine systematische Verbindung von individuellem und kooperativem Lernen sorgen soll. Ein weiteres Ziel sei es, bis 2015 einen Bildungsplan über alle Schularten hinweg vorzulegen.

Als BWHT-Hauptgeschäftsführer Oskar Vogel die Teilnehmer anschließend auf vier Fachforen verteilte, ging es daran, konkrete Ansprüche an eine leistungsfähige Gemeinschaftsschule zu erarbeiten. Die Titel der Workshops, deren Ergebnisse später in die Podiumsdiskussion Eingang fanden, waren

 

  • Individuelle Begabungen erkennen und fördern
  • Lernmotivation fördern und zum lebensbegleitenden Lernen befähigen
  • Anwendungskompetenz vermitteln und den Schülern Berufsorientierung bieten
  • Persönlichkeitsbildung unterstützen, Gemeinschaftlichkeit und soziale Kompetenz fördern sowie alle am Schulleben Beteiligten einschließen.

Wieder allgemeiner wurde es, als Baden-Württembergs Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer eine Lanze für die neue Schulform brach und deren grundlegende Ideen vorstellte: "Die Gemeinschaftsschule ist eine leistungsstarke und sozial gerechte Schule, die alle Bildungsstandards anbietet und in der alle Schülerinnen und Schüler nach ihren individuellen Voraussetzungen lernen und gefördert werden." Ihre Einführung geschehe vor dem Hintergrund, dass die baden-württembergische Bildung im deutschlandweiten Vergleich zwar gut dastünde, sich international aber nur im Mittelfeld wiederfände - was einer zu starren Schulstruktur geschuldet sei. Die Gemeinschaftsschule als Transportmittel einer modernen Pädagogik setze an dieser Stelle an und wolle, als grundlegende Herausforderung einer dynamischen Arbeitswelt, lebenslange Selbstlernprozesse initiieren. Ziel müsse es sein, die Potenziale aller Schüler anzusprechen, Selbstbewusstsein zu fördern und in Leistungsfähigkeit zu überführen. Wobei die Berufsorientierung eine wichtige Säule der Gemeinschaftsschule darstelle, die "immer mitzudenken" sei.

In der folgenden Podiumsdiskussion bekam die Kultusministerin Gesellschaft von Landeshandwerkspräsident Möhrle, dem Präsidenten des Bundesinstituts für Berufsbildung, Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, sowie der Schulbürgermeisterin der Stadt Stuttgart, Dr. Susanne Eisenmann. In der von Klaus Jancoviaus (SWR) moderierten Diskussion wurde deutlich, dass das Konzept Gemeinschaftsschule zwar allerseits Hoffnungen weckt, bezüglich der praktischen Umsetzung aber auch viel Skepsis vorhanden ist. Eine Skepsis, die sich zum jetzigen Zeitpunkt schwerlich ausräumen lässt, da die einzelnen Gemeinschaftsschulen zwar verbindliche Bildungspläne erhalten sollen, deren Konkretion allerdings maßgeblich von den Schulen selbst sowie von regionalen Erfordernissen bestimmt werden soll.

Dass noch viel Detailfragen zu klären sind und auch noch einige Überzeugungsarbeit zu leisten sei resümierte auch Claus Munkwitz, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart. Im Sinne des Handwerks zeigte er sich dankbar für die lange angestrebte Öffnung zur Gemeinschaftsschule und betonte, dass Gemeinschaftsschule und Handwerk wechselseitig profitieren können: Das Handwerk, indem es ausbildungsreifen Nachwuchs bekommt und die Gemeinschaftsschule, indem es im Handwerk einen Partner hat, der in der Lage ist, auch die praktischen Fähigkeiten von Schülern kompetent zu wecken.