Brüssel: Deutscher Meister – starkes Europa

Mehr als 40 Delegationsteilnehmer aus den verschiedensten Handwerken und aus allen Kammerbezirken reisten Mitte November nach Brüssel, um mit einem Forum in der baden-württembergischen Landesvertretung ein Signal zu setzen: Gemeinsam mit Wirtschafts- und Finanzminister Nils Schmid (SPD) warb der Baden-Württembergische Handwerkstag (BWHT) vor rund 180 Gästen für den deutschen Meisterbrief. Hintergrund war die Initiative der Europäischen Kommission, den Zugang zu den sogenannten reglementierten Berufen zu erleichtern.

Welche Bedeutung nicht nur das Handwerk, sondern auch die Politik dem Thema zumisst, zeigte die Redner- und Gästeliste: EU-Kommissar Günther Oettinger, der Stellvertretende Generaldirektor der Generaldirektion Binnenmarkt, Pierre Delsaux, die Europaparlamentarier Inge Gräßle und Nobert Lins (CDU), Evelyne Gebhardt (SPD) sowie Michael Theurer (FDP) folgten gespannt Vorträgen und einer Podiumsdiskussion.

In Deutschland sind insgesamt 152 Berufe von dem EU-Vorstoß betroffen, davon 41 Handwerksberufe. „Der Meister darf nicht durch europäische Vorgaben geschwächt werden“, steht für Minister Schmid fest, „denn damit würden wir auch unser gut funktionierendes Ausbildungssystem schwächen, das international immer mehr als Vorbild anerkannt wird.“ Es sei absurd, bekräftigte auch Landeshandwerkspräsident Joachim Möhrle, wenn die EU-Kommission ein System in Frage stelle, das gleichzeitig von ihr hoch gelobt werde. Allerdings gebe es In den Generaldirektionen viele Ländervertreter, denen die Strukturen, die der Meisterqualifikation zugrunde liegen, fremd seien, weil es etwas Vergleichbares in ihren Heimatländern nicht gibt. Möhrle: "Ihnen müssen wir erklären, was den Meisterbrief so einzigartig macht und wo der Mehrwert einer Meisterausbildung liegt."

Brüsseler Kalkül scheint klar

Was die EU-Kommission mit der Evaluation bezweckt, beleuchtete Pierre Delsaux in seiner Rede. Das Kalkül der Brüsseler Spitzenbeamten scheint klar: Weniger Reglementierung würde nach ihrer Einschätzung zu mehr Wettbewerb, zu mehr Arbeitsplätzen und damit letztlich auch zu höherem Wirtschaftswachstum führen. Mit der Folge von mehr Fachkräften, einer belebteren Wirtschaft und niedrigeren Preisen. Reglementierung, so wurde dabei deutlich, ist in den Augen der Kommission ein Störfaktor auf dem Weg zu  mehr Wachstum und mehr Wettbewerbsfähigkeit in Europa. Wer im Einzelfall das Gegenteil nachweisen könne, der werde die Kommission auch überzeugen, versuchte Delsaux die Befürchtungen des Handwerks zu zerstreuen.

Handwerker keine Teppichhändler

Doch im Handwerk schrillen die Alarmglocken. Denn zehn Jahre nach der Novelle der Handwerksordnung, bei der die Meisterpflicht in 53 Gewerken aufgehoben wurde, ist die Bilanz bitter: Das Gegenteil dessen, was sich die EU erhofft, ist eingetreten. Das wurde auch in der anschließenden Podiumsdiskussion deutlich. Bis auf Martin Frohn, Referatsleiter bei der EU-Kommission, waren die anderen Teilnehmer auf dem Podium  - Markus Stock (Wirtschaftskammer Österreich), Minister Schmid, BWHT-Präsident Möhrle und Elektrotechnikermeister Rolf Brenner  - keineswegs überzeugt, dass Entwarnung angesagt ist. "Die Meisterpflicht ist weder ein Mobilitäts- und Marktzugangshemmnis, noch scheut das Handwerk den Wettbewerb“, betonte Möhrle. EU-Ausländern stehe der Weg in eine Selbstständigkeit im deutschen Handwerk offen, die Handwerksordnung lasse hierfür genü-gend Spielraum. „Wir sind keine Teppichhändler, die überall auf Werbetour gehen“, betonte Möhrle, „wir laden aber gerne dazu ein, sich bei uns zu informieren über ein System, das letztlich auch Europa wettbewerbsfähiger machen kann.“

Zukunftsthema Wirtschaft 4.0

Beim Abendempfang stand ein weiteres Zukunftsthema auf der Agenda, das derzeit unter dem Stichwort „Industrie 4.0“ diskutiert wird: die Digitalisierung von Märkten und Gesellschaft. „Im internationalen Wettbewerb muss Eu-ropa über seine Stärken in der Vernet-zung verschiedener Technologien punkten“, sagte Minister Nils Schmid. Dies müsse auf die europäische Agenda. Baden-Württemberg könne hier sein Know-how einbringen. Chancen und Risiken zeigte der EU-Kommissar für digitale Wirtschaft und Gesellschaft, Günther Oettinger, auf. Er warnte vor einer übermächtigen amerikanischen Internetwirtschaft und sprach von einer „Revolution, die in den nächsten Jahren alle erreicht“. Auf das Handwerk warte ein großes Wachstumspotenzial, zum Beispiel auf dem Feld von Smart Home und Smart Grid. Voraussetzung dafür sei aber die richtige Infrastruktur. Hier hakte BWHT-Präsident Möhrle ein: „Es ist deshalb zu kurz gesprungen, die Digitalisierung der Wertschöpfung unter dem das Schlagwort Industrie 4.0 zu fassen. Wirtschaft 4.0 bringt es besser auf den Punkt.“