Jahresbegegnung 2012

Unter dem Titel "Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg 2020" warf die Jahresbegegnung des Handwerkstages den Blick in die Zukunft. Ministerpräsident Winfried Kretschmann stand den Ausführungen und Fragen von Landeshandwerkspräsident Joachim Möhrle Rede und Antwort.

Das Jahr 2020 ist ein häufig genanntes Planungsziel - nicht zuletzt weil die Landesregierung bis dahin wesentliche Ziele der Energiewende erreicht haben will.  Unter dem Titel "Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg 2020"  war es auch Thema der Jahresbegegnung 2012 des Baden-Württembergischen Handwerkstags (BWHT), die sich am 18. Juli an die Mitgliederversammlung der Landeshandwerksvertretung anschloss. Zu Gast war kein Geringerer als Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der in seiner Rede zu den eingangs von Landeshandwerkspräsident Joachim Möhrle aufgeworfenen Problempunkten und Fragen Stellung bezog.

"Wir vom Handwerk sind auf den Standort Baden-Württemberg angewiesen", brachte Möhrle die tiefe regionale Verwurzelung der Branche zum Ausdruck. Als Rückgrat der baden-württembergischen Wirtschaft sehe man sich als Partner der Landesregierung, die in ihrer rund einjährigen Amtszeit bereits viele Themen angepackt habe: "Aber wo sich viel bewegt, stellen sich auch viele Fragen: Kann sich der Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg behaupten? Wo geht die Reise hin, wo stehen wir im Jahr 2020?" Ein Weg, auf dem für das Handwerk vor allem die Energiewende und die Bildung "Megathemen" seien.

Auch wenn das Handwerk als  Auftragnehmer von der Energiewende profitiere, sorge man sich vor allem wegen des Bund-Länder-Gerangels bei der steuerlichen Sanierungsförderung und den steigenden Energiepreisen, gepaart mit einer ungerechten Befreiung der Großverbraucher von Netzentgelten: "Es kann nicht sein, dass Privathaushalte und mittelständische Unternehmen künftig die Netznutzung für Großverbraucher bezahlen sollen."

In punkto Bildung sei viel geschehen, was im Sinne des Handwerks sei - Stichwort Gemeinschaftsschule. Allerdings drohe der Branche nun, die eigene Prämisse "Bessere Bildung für möglichst viele Kinder" zum Verhängnis zu werden: Vor lauter Neuerungen drohe die duale Ausbildung ins Hintertreffen zu geraten, obwohl Europa derzeit besonders neidisch auf dieses System der beruflichen Bildung blicke. Vor dem Hintergrund, dass die Landesregierung  eine 50-prozentige Studierquote als Zielmarke ausgibt, sei zu befürchten, dass der Prophet im eigenen Lande nichts gelte: "Wir brauchen aber nicht nur Architekten und Zahnärzte in Baden-Württemberg, sondern auch Zimmerer und Zahntechniker."

Trotz aller Kritik bemerkte Möhrle abschließend, dass das Handwerk bei der Landesregierung stets auf offene Türen und Ohren treffe und den Ministerpräsidenten als Gesprächspartner zu schätzen wisse. Dem von Kretschmann am Rande des Verbandstags der Schornsteinfeger jüngst geäußerten Wunsch, mit dem Handwerk im ständigen Austausch partnerschaftlich und zukunftsorientiert zusammen zu arbeiten, komme man daher gerne nach.

Ministerpräsident Kretschmann nahm den ihm zugespielten Ball auf und gab das Lob im Verbund mit einer kleinen Mahnung zurück: "Die Politik des Gehörtwerdens bedeutet nicht, dass man immer erhört wird, sondern dass man nicht überhört wird." Dennoch sei ihm das Handwerk als Garant regionaler Wertschöpfung bei seiner Entscheidungsfindung, die vor dem Hintergrund der aktuellen Haushaltslage nicht immer leicht sei, präsent.

Für die Zukunft des Handwerks müsse die Parole "Erfolg durch Nachhaltigkeit" heißen: Die Öko-Modernisierung sei Wachstumstreiber Nummer Eins und Grün-Technologien würden zum Exportschlager der Zukunft. Aussichten, vor deren Hintergrund der Ministerpräsident die Energiewende als "Projekt von vielen für viele" auf einer Höhe mit der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts sieht.

Bezüglich der Energieversorgung gelte, dass sie verlässlich, bezahlbar und umweltfreundlich sein müsse. Ein jüngst von der Landesregierung in Auftrag gegebenes Gutachten zeige, dass die vielfach beschworenen Horrorszenarien keine Grundlage hätten und mit exorbitanten Preisanstiegen nicht zu rechnen sei. Kretschmann gab jedoch zu, dass die Netzentgelt-Befreiungen von Großunternehmen aus dem Ruder gelaufen seien und hier ein "Abspeckungspfad" angesagt sei.

Hinsichtlich des Gerangels um die steuerliche Sanierungsförderung versteht der Ministerpräsident den Unmut des Handwerks. Für die Landesregierung sei es klar, dass eine entsprechende Förderung zur Erhöhung der Sanierungsquote unabdingbar sei, die überfällige Einigung wäre daher nicht Baden-Württemberg geschuldet. Ganz im Gegenteil bringe sich die Landesregierung stets konstruktiv mit Lösungsvorschlägen in die Debatte ein.

Keine Sorge solle sich das Handwerk bezüglich der beruflichen Bildung machen - sie werde keinesfalls vergessen. Allerdings habe die Landesregierung zunächst bei den Wurzeln angesetzt und in die Verbesserung der frühkindlichen Sprachförderung als Grundlage für alle weiteren Bildungsanstrengungen investiert. Nun sei es an der Zeit, die regionalen Schulentwicklungspläne in Angriff zu nehmen, wobei es aber unabdingbar sei, die begrenzten Ressourcen gezielter einzusetzen.

Bevor BWHT-Hauptgeschäftsführer Oskar Vogel sein Schlusswort sprach und in den gemütlichen Teil der Jahresbegegnung 2012 überleitete, verlieh Präsident Möhrle dem Vorsitzenden der SPD-Landtagsfraktion Claus Schmiedel die Goldene Ehrennadel des Baden-Württembergischen Handwerkstags. Dieter Diener, Hauptgeschäftsführer der Bauwirtschaft Baden-Württemberg erhielt dieselbe Auszeichnung in Silber.