BWHT-Mitgliederversammlung  10.07.2019

Warum Großprojekte scheitern

Protestierende NIMBYs, intransparente Planung oder unverständliches Fachkauderwelsch: die Liste der Gründe, weshalb ein großes Infrastrukturprojekt scheitern kann, könnte Frank Brettschneider wahrscheinlich endlos weiterführen. Auf der Mitgliederversammlung des Baden-Württembergischen Handwerkstags (BWHT) hat der Kommunikationsexperte das Phänomen des Wutbürgers analysiert.


In seinem spannenden Vortrag konzentrierte sich Prof. Dr. Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim auf die Angriffspunkte, die von einer strategisch durchdachten Kommunikation gelöst werden können. Denn eines sei klar: „Kommunikation kann nicht kitten, was in der Substanz falsch läuft“, beschreibt der Wissenschaftler die Grenzen seines Fachs.

Niemand will selbst betroffen sein


Hinter dem Mode-Begriff NIMBYs (eng. not in my backyard) verberge sich das sogenannte St. Floriansprinzip, wonach Menschen zwar grundsätzlich einem Thema gegenüber offen seien, sobald sie selbst aber davon betroffen seien, sinke ihre Zustimmung zum Thema deutlich. Der Protest dieser Wutbürger richtet sich vor allem gegen Bau- und Infrastrukturprojekte. In Zahlen ausgedrückt: Während zum Beispiel eine überwältigende Mehrheit von 85 Prozent der Meinung ist, dass es einen großen Bedarf für den Ausbau von Erneu-erbaren Energien in Deutschland gebe, befürworte nur eine Minderheit von 43 Prozent  den Ausbau von Energietrassen in der eigenen Heimatregion.

Akzeptanz durch Kommunikation

Diesen Widerspruch, der für verschiedenste Projekte existiere, aufzulösen, sei eine große Herausforderung, der sich Projektträger, Politik und Verwaltung stellen müssten, so Brettschneider. „Ihnen muss klar sein, dass Akzeptanz durch rechtliche Verfahren alleine nicht mehr genügt, um Zustimmung für ein Projekt zu erhalten.“ Die Akzeptanz müsse vielmehr durch Kommunikation erreicht werden. Es sei ein grober kommunikativer Fehler, NIMBYs und Wutbürgern vorzuwerfen, dass an deren Egoismus eine wichtige Sache scheitere. Denn die Gründe für Protest seien deutlich komplexer. So sei Kritik, beispielsweise die Verschandelung der Landschaft durch den Bau von Windrädern, häufig nur vorgeschoben. Tatsächlich steckten häufig Gründe wie ein tiefliegender Vertrauensverlust in Institutionen, ein Gefühl von Zweitklassigkeit oder ein unklarer Nutzen dahinter.

Einbinden statt vorgeben

Wie soll man stattdessen mit diesen Menschen umgehen? Für Brettschneider müssen konfrontative Situationen vermieden bzw. aufgelöst werden. Also: keine Bürgerveranstaltung, bei der die Verantwortlichen frontal an einer langen Tischreihe den Menschen gegenüber sitzen, sondern besser kleine, im Raum verteilte Gruppen, in denen die Experten zuhören, erklären und direkt auf Fragen und Kritik eingehen können.

Starke Bilder, einfache Sprache

Eine solche Vorgehensweise setze voraus, dass eine systematische Kommunikationsplanung fester Bestandteil eines Projekts werde. Kommuniziert werden müsse frühzeitig, transparent und dauerhaft. Nicht mit unverständlichen Fachbegriffen, sondern in einfacher, klarer Sprache. Bretschneider empfiehlt auch Visualisierungen. So könnten abstrakte Pläne für die Menschen vorstellbar gemacht und Vorbehalte schnell entkräftet werden. Eine kleine Warnung gab er ebenfalls mit auf den Weg: Wenn diese Bilder nicht hundertprozentig realistisch seien, könne sich eine einmal erreichte Zustimmung zum Projekt auch ins Gegenteil verkehren.

Analyse belegt Erfolg

Brettschneider hat zahlreiche Träger von Großprojekten zum Einsatz von strategischer Kommunikation befragt. Zwei Drittel gaben an, dass Kommunikation die Akzeptanz ihres Projekts erhöht habe und die Voraussetzung für einen zügigen Projektablauf gewesen sei. Bei derart eindeutigen Ergebnissen denkt nun vielleicht auch der ein oder andere Handwerksbetrieb über den systematischeren Einsatz von Kommunikationsinstrumenten nach.